Am 1. Oktober vor 55 Jahren begann der Contergan-Skandal- Hat die Wissenschaft daraus gelernt? - Medienmitteilung der AG STG

Medienmitteilung der AG STG – Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegnerwww.agstg.ch

Am 1. Oktober 1957 begann der Contergan-Skandal - Hat die Wissenschaft daraus gelernt?

01. Oktober 2012, Winterthur

Das Medikament Contergan (Thalidomid) kam am 1. Oktober 1957 auf den Markt. Die Herstellerfirma Grünenthal versandte ca. 40 000 Rundschreiben an Ärzte und Apotheker, in denen es als das beste Mittel für Schwangere und stillende Mütter bezeichnet wurde.

Als «wirklich neues Produkt» habe man seine Sicherheit durch ausgedehnte Tierversuche besonders gründlich überprüft! So wurde es zum beliebtesten Schlafmittel. Jahre nach Markteinführung wurden 10 000 an Armen und Beinen verstümmelte Kinder geboren, deren Mütter während der Schwangerschaft Contergan eingenommen hatten. Der Grund: Der Mensch reagiert auf Contergan 60 mal empfindlicher als die Maus, 100 mal empfindlicher als die Ratte, 200 mal empfindlicher als der Hund und 700 mal empfindlicher als der Hamster. Und wie reagierte die Politik und die Wissenschaft auf diesen Skandal? Obwohl das Medikament besonders ausführlich im Tierversuch getestet wurde, führte man danach einfach noch mehr Tierversuche durch, u. a. mit verschiedenen Tierarten.

Die Wissenschaft begeht immer noch die gleichen fahrlässigen Fehler
Ein jüngeres Beispiel zeigt, dass Wissenschaftler und Zulassungsbehörden offenbar in den letzten 50 Jahren nicht viel dazu gelernt haben:
Seit Markteinführung bis 2003 wurden mehr als 150 Babys, deren Mütter das Aknemedikament Roaccutan (Isotretinoin) der Schweizer Firma Roche einnahmen, mit Fehlbildungen geboren. Noch wesentlich mehr Schwangerschaften endeten mit Fehlgeburten.[1] 2006 und damit erst als bereits zahlreiche Kinder Schaden erlitten hatten, ergriff die amerikanische Zulassungsbehörde für Medikamente (FDA) Massnahmen.

Wie konnte es zu diesen erneuten Fehlbildungen kommen?
Für die Zulassung eines Medikamentes werden von den Zulassungsbehörden auch sogenannte Teratogenitätsprüfungen verlangt, also Tierversuche, welche die Gefahr für Fehlbildungen des Fetus bzw. Embryos erkennen sollen. Besonders gerne werden hierfür trächtige Menschenaffen verwendet. Der als Oberarzt tätige Alexander Walz weist darauf hin, dass sich nur in 50% solcher Tierversuche eine Übereinstimmung mit dem Menschen zeigt: «Dies führt weiterhin zu einem völlig inakzeptablen Risiko für Schwangere bzw. deren ungeborene Kinder. Es ist ein Skandal, dass schwangere Frauen heute noch dem gleichen Risiko für Fehlbildungen und Fehlgeburten bei Einnahme neuer Medikamente ausgesetzt sind wie noch vor 55 Jahren, weil unsere Forscher und Zulassungsbehörden immer noch an den mittelalterlichen, unzuverlässigen Tierversuchen festhalten. Denn auch beim Medikament Roaccutan täuschten die Tierversuche an Mäusen und Ratten eine falsche Sicherheit vor, wie der Forscher Nau bereits 2001 aufdeckte.»[2]

Renommierte Wissenschaftler der Vereinigung Antidote Europe weisen seit langem darauf hin, dass der Mensch nicht eine 70 kg schwere Ratte ist und wir deshalb nicht mehr länger auf Tierversuche vertrauen sollten.[3] 2002 kam die toxikologische Arbeitsgruppe des englischen Regierungshauses «House of Lords» zu dem Ergebnis, dass die Verwendung zweier verschiedener Tierarten bei Sicherheitstests von Arzneien kein wissenschaftlich seriöses Unterfangen ist, sondern vielmehr als Eingeständnis zu werten ist, dass die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf Menschen übertragen werden können.[4]  

Die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, kurz AG STG, fordert seit langem die konsequente Förderung und Anwendung von tierversuchsfreien Forschungsmethoden statt der Verschwendung von Geldern für gefährliche, völlig veraltete Testmethoden. Innovative, tierversuchsfreie Forschungsmethoden sind ein klarer Fortschritt und nicht ein Ersatz für Tierversuche.
Die AG STG fordert ein Umdenken in Politik und Forschung. Will die Schweiz auch in Zukunft zu den führenden Forschungsnationen gehören, müssen wir uns vom Tierversuch verabschieden und den Weg frei machen für schnellere, preiswertere und vor allem zuverlässigere Forschungsmethoden.

Weitere Informationen über Tierversuche und über die AG STG finden Sie unter: http://www.agstg.ch

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Quellen:
[1] Accutane Birth Defects http://www.onlinelawyersource.com/accutane/birth-defects/  Zugriff 11.4. 2012
[2] Nau H.: Teratogenicity of isotretinoin revisited: species variation and the role of all-trans-retinoic acid. J Am Acad Dermatol. 2001 Nov; 45(5): S183-7 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11606951
[3] People are not 70 kg rats http://antidote-europe.org/campaigns/people-are-not-70kg-rats Zugriff 11.4. 2012
[4] House of Lords Select Committee on Animals in Scientific Procedures, 2002

  Die Organisation AG STG (Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner) besteht seit 1981. Sie lehnt Tierversuche aus medizinischen, aus wissenschaftlichen sowie aus ethischen Gründen ab. Die Organisation engagiert sich für einen innovativen, zukunftsorientierten und führenden Forschungsstandort Schweiz und somit für eine Wissenschaft ohne Tierversuche. Die medizinische Wissenschaft muss sich endlich wieder am Menschen orientieren und dabei die Ursachenforschung und die Vorbeugung gegen Krankheiten in den Vordergrund stellen.